Bark #1
Working Whitespace
Cherry Tales
Hach ja, wer kennt es nicht. Du gehst morgens mit dem Hund auf die übliche Gassirunde, und er weiß nicht, wo er sein Bein heben soll, weil alle Bäume abgeholzt sind.
Am Gärtnerplatz, mitten in München, wurden zwölf Robinien von stattlichem Wuchs ohne Vorankündigung entfernt. Grund: tot. Abgestorben. Wassermangel, Umwelt. Kann passieren.
Man steckt halt nicht drin in so einem Baum — außer, man hätte vorher mal hineingeschaut. Ich nicht. Andere wohl auch nicht. Das plötzliche Massensterben aller Großbäume am Platz grenzt an Schicksal. Der Ersatz steht fest: Zierkirschen.
„Die Kirschblüte wird in zartem Rosa die gelebte Vielfalt am Gärtnerplatz begleiten.“
Das sagte keiner. Es würde passen. Ein Satz wie ein Bonbon. Kirschwasser wird es eher nicht werden. In der Blüte liegt der Nutzen. Sie fallen nicht, sie schweben. Vielleicht ist die Idee als kleiner Appetizer für die queere Community gedacht. Vielleicht einfach hübsch. Vielleicht auch nur ein Satz, der gut durch den Ausschuss kam. Vielleicht ein Volltreffer in der Wählergunst.
Ökologisch liefern die Bäumchen rund zehn Prozent der abgeholzten Riesen. Wenn es die robuste Nelkenkirsche, der Gigant unter den Kleinbäumen, wird, vielleicht zwanzig. Der Ausgleich kommt sicher, sagt man.
Und wenn München statt zwölf Bäumen die rechnerisch nötigen hundert pflanzt, wird die Kirschblüte zum Leitbild einer offenen Stadt. Kurzblühend, aber immerhin ein Leitbild.
Sie werden doch nicht nur die zwölf Bäume … und dann auch noch in der Dreimeterausführung …
Es herrscht eine Spannung aus fehlgeleiteter Detailversessenheit, die dem ersten Entsetzen wich. Wie kritisiert man eine Regierung, die Bäume schützen will, während die Bäume sterben? Die Opposition entschied sich für mahnende Hoffnung. Keine technische Aufarbeitung der Ursachen. Keine Signalwirkung für ein Verfahren, das Baum- und Bodenzustände stabil verfolgt.
Hoffnung ist billig. Ursachenanalysen sind teuer — aber nötig. Jeder Obstbauer weiß, was mit seinen Bäumen los ist. Da passt das Bild der Zierkirsche. Der kommuniziere Nutzen von Grün ist im Stadtraum noch auf Selfy-Niveau.
Eine Forderung ohne Klang. Man kann aber lesen, dass ein großer Baum schon mehr her macht. Prächtig. Weiter so.
Bis die neuen Bäume stehen, hebt der Hund das Bein in der prallen Sonne.
Wenigstens kommen die Gelenkbusse jetzt besser um den Platz. Da die Robinien weg sind, könnte man locker gleich die Einfahrten in den Kreisverkehr entschärfen.
Honi soit, qui …
Bäume können eingehen. Kommunikation auch. Wenn man beides sterben lässt, wird es teuer. Weitere Bäume werden fallen, weil die Grundlagen fehlen. Und die Diskussionen werden erhitzen — wie das Stadtklima.
Strömungsabriss der Woche
Nur noch ein Gag
Wer kennt es nicht?
Eine Runde, ein schlechter Scherz zulasten einer Gruppe, ein Uraltwitz. Einige Idioten lachen. Wenn man Pech hat, steigt die Lautstärke. Immer sinkt das Niveau.
Ein seit Jahrzehnten bekannter Comedian hat Mist gebaut.
Nuhr dachte, er könne zwei Dinge gleichzeitig tun: ein Publikum in der Breite bedienen und eine semantische Debatte führen.
Das geht selten gut aus.
Das Publikum wollte Entlastung. Er lieferte – und steckte selbst in seiner Falle. Oder aber es war Kunst mit Opferdurst.
Eine Show, die aus Pflichtabgaben der Haushalte finanziert wird, ist immer im Fokus der öffentlichen Meinung. Jede Effekthascherei in Zustimmung und Ablehnung wirkt verstärkt. Am 18. Juni wollten viele nicht mittragen, was gesendet wurde.
Es begann mit Struktur: ein Vortrag gegen Verallgemeinerung und über die Illusion, dass neue Begriffe alte Bedeutungen entschärfen. Beispiel: Frauen und Einparken.
Hier passierte es. Wer kennt es nicht. Man gewinnt das Publikum und es darf nicht enden. Die erste Plattheit brachte mehr Entlastung als Verstehen.
Der zweite Block hätte kritisch auf semantische Gleichschaltung zielen können.
Nuhr hatte sein Publikum im Griff — nur im falschen Geschoss des Hauses „Unterhaltung“. Sie waren mit dem Niveau im Keller und wollten bleiben.
ie Einleitung war zu lang. Die Technik zu ambitioniert. Das Publikum zu hungrig. Er weist der Autorin eines persönlichen Zeitungsbeitrages, die ihre Meinung schreibt, technische Fehler und falsche Statistik nach. Bei falscher Verwendung von Statistik kennt das Publikum keinen Spaß. Oder gerade. Technische Fehler sind absolut. Sie waren noch in Schwung. Die erste Entladung forderte die Zündung weiterer Stufen.
Nuhr lieferte. Sein Argument war mit Gewalt und Sexualität vs. weiblich determinierter Zurückhaltung zu komplex beladen. Frauen sollten die Männer erst einmal kennenlernen, bevor sie mit ihnen schlafen. Dann wären sie sicherer vor Gewalt.
Wow. Wer kennt das nicht? Komplett versaut. Nicht zu retten. Oder doch?
Ein Gag blieb: Der Satz sei aus dem Kontext gerissen worden.
Der Kontext war das Problem. Ein hartes Programm für alle genussfähig zu schweißen, ist technisch falsch. Die blöden Witze dienen der Entlastung. Ihre Steigerung überblendet alles. Er kennt seinen Publikumsmix. Er kennt die Dynamiken.
Wenn er mit der Ausführung allerdings immer noch im Thema, im Kontext, war, traute er sich, Teile seines Publikums bloßzustellen und die öffentliche Diskussion anzuheizen. Er tat es nicht, sondern fütterte weiter, direkter, und entschied sich für die Seite, der Böllerschüsse im Keller die ungeliebte Sicht vernebeln.
Was nun? Linie und Thema halten oder nach Belieben Rollen wechseln und dekonstruieren?
Beides geht. Die vorgeführte Entgleisung zerlegt sich selbst. Ich würde mich über weniger Witze und präzisere Stiche freuen.
Krypto vs. hard values
Drift der Woche
Wer kennt es nicht? Da hat der Dorfpfarrer ein unerhörtes Nebeneinkommen und zwielichtige Menschen gehen in die Kirche. Geld hat eine seltsame Art, Räume zu öffnen.
Der amerikanische Präsident hat über zwei Milliarden verdient. Wie niedlich. Die Zahl ist groß genug, um alles zu überstrahlen. Ein Driftcluster strömt auf die interessierte Weltbevölkerung. Sie wertet, ohne zu ordnen, ohne zu relativieren. Alles nur aus dem eigenen Verständnis zu dieser einen Sachlage. Selbst bewaffnet mit einem Meinungsbild, das sich an der Zahl reibt und seine Inhalte schleift.
Die einen jubeln, weil gezeigt wird, was in diesen Zeiten mit kleinen Weichenstellungen und Popularität möglich ist.Andere sind entsetzt und sehen den moralischen Verfall.
Der Vergleich mit dem Dorfpfarrer mag Schwächen haben.
Wozu gibt es in Demokratien Gesetze? Wenn sie nicht ausreichen, sollten sie angepasst werden. Wenn Verdachtsmomente vorliegen, sollte ermittelt werden.
Alles Ablenkung. Zählbares ist leicht zu bewerten. Gesellschaftliche Entwicklung oder politische Integrität? Viel zu schwer. Dafür sind unsere Bildungssysteme in der Breite zu schwach.
Wer macht schon seine Hausaufgaben, wenn ein Zirkus durch die Stadt zieht?
Und Zirkus lenkt ab — bis die Ölpreise steigen und die Lebenshaltungskosten brennen. Dann braucht es größere Geschütze. Außenpolitik geht immer. Ein heftiger Streit lenkt ab ... bis die Ölpreise explodieren und die Lebenshaltungskosten unerträglich werden. Dann kommt ein Kipppunkt, der eine Brisanz in sich tragen kann.